pädagogisches zentrum für sinnesbehinderte

 

entwurf für eine schule für hör- und sehgeschädigte für architekten ZLS, mit siegfried miedl
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Eine abwechslungsreiche Kulisse als differenzierte Lernumgebung

Wahrnehmung und Entwicklung

Bei der Wahrnehmung, auch der normalsinnigen, werden immer nur Teile aus der Kulisse der Wirklichkeit aktiv herausgegriffen. Im Prozeß der Wahrnehmung bzw. der Kognition werden Strukturen und Muster abgetastet, um Unveränderliches herauszufiltern und dadurch Zusammenhänge zu verstehen. Wie die Lern- und auch die Hirnforschung bestätigen, wird der Mensch dabei durch die Neugierde, den Kapiertrieb, motiviert, also den unablässigen Wunsch zu Lernen und zu Verstehen, denn Erkenntnis macht Lust. Insbesondere Kinder wollen Lernen, Forschen und Entdecken.

In der Gestaltung der Lernumgebung sollte es deshalb um eine Stimulation der Aufmerksamkeit durch Ausbildung von Differenzen und Unregelmäßigkeiten gehen. Eine Differenzierung der Lernumgebung ermöglicht eine Individualisierung des Lernens; sie macht vielfältige Angebote und schafft Bewegungsräume, die durch abwechslungreiche und veränderliche Perspektiven das motorisch-haptische Erleben fördern. Eine solche Lernumgebung ermöglicht Kindern die Freiheit der Bewegung und überläßt ihnen die Initiative, aus den angebotenen Mitteln ihre eigene Wahl zu treffen.

Diese Prinzipien, die dem heutigen Stand der Forschung entsprechen, sind nicht neu. Sie gehen auf die Entwicklung reformpädagogischer Konzepte von Comenius über Pestalozzi bis Montessori, Freinet oder Piaget zurück. Kernpunkte dieser Konzepte, in denen z.B. Montessori und Piaget übereinstimmten, sind die Entwicklung des Menschen aus der Wechselwirkung von Organismus und Umwelt, die Selbstorganisation des Kindes als Prinzip der Erziehung, die Übereinstimmung veränderlicher Herausfordungen der Umwelt mit der jeweiligen Lernphase sowie die eigene Aktivität des Kindes als Basis für die Entwicklung zur Selbständigkeit. Letzteres gilt als Erziehungsziel: die Entwicklung zur psychisch gesunden und eigenständigen Persönlichkeit, die ihre Begabungen wahrnehmen und nutzen und ihre Schwächen kompensieren kann.

‚Alle Psychologen sind sich übrigens darin einig, daß es nur eine Art des Lehrens gibt: tiefstes Interesse und damit lebhafte und andauernde Aufmerksamkeit zu erwecken.’ Maria Montessori

Schule als Lernkulisse

Der vorliegende Entwurf für das ‚Pädagogische Zentrum für Sinnesbehinderte’ in Linz zielt deshalb auf die Gestaltung einer anregenden Entwicklungsumgebung ab, auf Entwicklungsräume, die Raum lassen zum Forschen und Entdecken und dabei gleichzeitig Aufforderungscharakter zum Handeln besitzen. Die Planung ist mit Direktorium und Lehrergremium der Schule sorgfältig abgestimmt und auf die speziellen Bedürfnisse dieser besonders ausgerichteten Schule genau angepaßt und zugeschnitten.

Der Entwurf arbeitet konzeptionell mit dem Begriff der Kulisse: Die Entwicklungsumgebung mit den darin enthaltenen Sinneserfahrungen und Materialien stellt den Zugang zur Welt dar und damit die Kulisse vor der die Entwicklung stattfindet. Der Begriff der Kulisse bezeichnet gleichermaßen allgemein die Gegend, Umgebung oder Raumwirkung wie aber auch die Attrappe oder Täuschung und im Speziellen im Theater den Bühnenraum, das Bühnenbild und die Bühnenausstattung – die Dekoration und die Szenerie.

Konzipiert werden verschiedene Kulissen als ineinandergreifende Räume, als Bewegungs- und Erfahrungsräume mit unterschiedlichem Charakter: gleichsam als Lernkulisse, die zuläßt, hinter die Kulissen zu schauen und zu verstehen, daß manches nur Kulisse ist. Die attraktive Lage des Grundstückes mit bewaldetem Hang und städtischer Umgebung bildet die Grundlage für eine Inszenierung der Schule im Wechselspiel von Waldkulisse und Stadtkulisse: Das gewachsene Gelände, der bewaldete Hang, als geschützter Raum für Abenteuer und Spiel bildet die Waldkulisse, während der städtische, öffentliche Raum mit historischen Elementen wie Kloster und Dom sowie dem Verkehr die Stadtkulisse verkörpert. Die Konzeption von Schule und Außenraum reagiert auf diese vorhandenen Räume und verstärkt und nutzt sie.

Der Raum der Waldkulisse wird an und in das Gebäude geführt: Das Gebäude öffnet sich zum bewaldeten Hang. In der Öffnung entsteht ein geschützter, arenaartiger Bereich mit Sitzstufen, der z.B. für Vorführungen genutzt werden kann. Dieser treppt sich ins Erdgeschoß ab mit überdachtem Freibereich zum Werken und wird bis in den Eingangsbereich im Straßengeschoß weitergeführt. Das erste Obergeschoß schließt an den Hang direkt an und das zweite Obergeschoß ist über eine Terrasse angebunden, sodaß sich der Raum der Waldkulisse in allen Geschossen bis in den Innenraum zieht und von den Gemeinschaftsflächen aus wahrgenommen werden kann.

Zum Stadtraum hin bildet die Schule selbst ein prägnantes Element in der umgebenden Kulisse und ragt bis an den Straßenraum heran. Die Klassen- und Sonderunterrichtsräume sind panoramaartig angeordnet mit entsprechenden Blickbezügen zum umliegenden Stadtraum. Im Erdgeschoß gibt es einen Umgang, der oberhalb der erhaltenen Klostermauer ein Aussichtspodest bildet.

Waldfassade und Stadtfassade

Entsprechend werden die Fassaden als Waldfassade und Stadtfassade ausgebildet: Auf die Waldfassade ist die Struktur einer abstrahierten Maserung aufgedruckt. Die Stadtfassade besteht aus einer Struktur variierender Öffnungen und rechteckiger Pixel. Die variierenden Öffnungen korrespondieren mit den variierenden Angeboten, die die Fassade in den Klassenräumen macht: Die geschlossenen Flächen sind von innen mit Regalen ausgestattet, die gemäß dem Verlauf der Öffnungen ausgeschnitten sind. Durch die Höhenstaffelung ergeben sich Situationen mit Sitzbänken, brüstungshohen Regalen zur Ablage von häufig benutztem Lehrmaterial sowie Fensterflächen, die bis zum Boden reichen. Dadurch entsteht einerseits eine hohe Qualität für die Innenräume und zugleich eine starke Skulpturalität und Tiefenwirkung der Fassade innen wie außen. Die Unregelmäßigkeiten in der Variation der Öffnungen korrespondieren mit dem Prinzip der Individualisierung: Wie beim Lernen gibt es auch in der Fassade keine Vereinheitlichung und keine einfache Serialisierung.

Das Muster der rechteckigen Pixel, bzw. die Verteilung der Farbflächen, ist aus einer grafischen Abstraktion des umgebenden Stadtpanoramas entwickelt, das auf die Fassade projiziert ist. Das gespiegelte Scharz-Weiß-Panorama wurde dazu gerastert und auf sechs Helligkeitsstufen reduziert. Jeweils drei Pixel wurden zu einem Rechteck gemittelt und dann die hellste und dunkelste Stufe als Farben interpretiert.

Beide Fassaden veranschaulichen den Wahrnehmungsprozeß des Abtastens von Strukturen im Gesichtsfeld zur Extraktion von Informationen. Der Betrachter sucht nach dem zugrundeliegenden Prinzip, das zum Teil aber erst im Innenraum zu entdecken ist, da sich die Variation der Öffnungen auch aus den Innenraumqualitäten erklärt. Die Tatsache, daß Wahrnehmung immer ein Prozeß aktiver Aufmerksamkeit ist und daß eine eingeschränkte Wahrnehmung eine andere und keine defizitäre Wahrnehmung ist, kann hier veranschaulicht werden.

Die Innenräume

Der Entwurf sieht vor, die Räume außerhalb der Klassen möglichst groß zu halten, sodaß diese – über ihre Funktion als Gänge hinaus – als Gemeinschaftsflächen vielfältig genutzt werden und – auf Wunsch der Lehrer – auch als erweiterter Unterrichtsraum fungieren können. Diese Räume haben eine hohe Qualität, da die Waldkulisse von hier aus wahrgenommen werden kann.

Die Klassenräume (insbesondere der Integrationsklassen) sowie die Sonderunterrichtsräume sind bewußt so angelegt, daß sie sich unterscheiden und keine Abfolge gleichartiger Boxen darstellen: Diese Unterschiede können entdeckt und erlebt werden und stellen ein abwechslungsreiches Angebot an die Wahrnehmung dar. Räume weiten und verengen sich, bilden Nischen, Ecken und Winkel, Kanten stellen sich perspektivisch unterschiedlich dar.

Diese Konfigurationen bieten auch eine funktionale Vielfalt: Sie erlauben eine unterschiedliche Zonierung der Räume für unterschiedliche Unterrichtsformen: Neben dem Frontalunterricht wird auch mit dem Montessori-Material gearbeitet, der Unterricht findet auch als individuell geförderte Freiarbeit und selbständiges Agieren statt. Nischen und Rückzugsmöglichkeiten sind ausdrücklich gewünscht. Soziales Lernen spielt eine große Rolle; das Sozialverhalten steht im Vordergrund.

Kulissenelemente aus dem Theater wie Bühne, Empore, Podest, Podium, Spielfläche, Rampe, Scheidewand, Versenkung oder Vorhang sind in übertragener Form teilweise schon in die Planung integriert bzw. können im Verlaufe der weiteren detaillierteren Planung noch einbezogen werden.

Die Blindenklassen sind in einem eigenen Bereich im Erdgeschoß untergebracht, da hier eigene Anforderungen gelten. Die Integrations- und Hörgeschädigtenklassen sind auf das erste und zweite Obergeschoß verteilt, wobei das erste der Volksschule und das zweite der Hauptschule zugeordnet ist.

Geräuschkulisse

Die Raumkonfigurationen sind auch im Hinblick auf die akustische Wirkung besonders günstig, da sie den Störschall minimieren. Diese Wirkung wird durch die Materialausstattung noch verbessert.

Weitere Möglichkeiten für eine wahrnehmungsbezogene Gestaltung bestehen zum Beispiel in der Intensivierung von Klangqualitäten von Räumen, etwa in einer Übertragung der Geräuschkulisse vom bewaldeten Hang (Vogelzwitschern, Blätterrascheln, etc.) in den Eingangs- und Wartebereich auf Straßenniveau. Eine Zusammenarbeit mit Künstlern, die in diesem Bereich arbeiten wäre wünschenswert.